Greifswald: Eingeborene VS Einwanderer?

Im Zusammenhang mit der Debatte über den Namenspatron der Uni Greifswald, Ernst Moritz Arndt, kam von Leserbriefschreibern in der Ostsee Zeitung immer wieder das Argument auf, die Studierenden hätte gar kein Recht über den Namen der Uni zu befinden. Dies sei eine Angelegenheit der Greifswalder (Ur-)Bevölkerung.

Gerade heute erschien wieder eine solche Aussage in der OZ, wie in dem beim Fleischervorstadt Blog zitierten Leserbrief von Hans-Jürgen Schumacher:

„Hysterie ideologisch vorbelasteter Wichtigtuer-Studenten bezüglich einer möglichen oder wahrscheinlichen Umbenennung der alterwürdigen Greifswalder Alma mater […] für die Ur-Greifswalder kaum zu ertragen. Ich denke, wie die Uni heißen soll, ist auch ein wenig eine (zumindest moralische) Angelegenheit der Greifswalder Bevölkerung.“

Da drängt sich doch die Frage auf, wen zählen Schumacher und andere zur Greifswalder Bevölkerung? Eigentlich sind das doch alle Menschen mit in Greifswald amtlich gemeldeten Wohnsitzen. Der Großteil der Studierenden hat hier seinen Hauptwohnsitz gemeldet und zählt damit offiziell zur Greifswalder Bevölkerung. Doch das scheint nicht auszureichen. Muss ein „Ahnenpass“ her? Muss ich in Greifswald geboren sein? Oder so und soviel Jahre hier gewohnt haben? Und vor allem, wer entscheidet, wer Greifswalder ist und wer nicht?

Auch der Greifswalder Antiquarier und Buchhändler Dr. Ulrich Rose fragt sich, ab wann man als Einheimischer gilt, schließlich wohnt er seit 17 Jahren hier. Dabei zählt wohl nicht, ab wann man sich selber als Einheimischer fühlt, sondern ab wann die an einem Ort Geborenen einen akzeptieren. Das kann dauern, auch nach 20 Jahren war meine Familie in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein nicht als einheimisch akzeptiert.

Ein ziemlich fadenscheiniges Argument der Arndt-Beführworter. Wieso hier angehende Akademiker verärgert werden, ja fast als Menschen zweiter Klasse abgestempelt werden, ist mir unbegreiflich. Das ganz ist auch ziemlich dumm, denn es ist überhaupt nicht gesagt, dass die Studierenden nach einem abgeschlossenen Studium wegziehen werden. Gefällt ihnen die Stadt und bietet sich die Möglichkeit hier Arbeit zu finden, spricht doch nichts dagegen zu bleiben und weiterhin zur Greifswalder Bevölkerung zu zählen. Mit dem Schlechtreden, wird aber keiner gerne bleiben wollen.

Ich gehe wählen, ich gebe hier Geld aus, ich gestalte mit meinen Beiträgen die Medienlandschaft, ich gestalte mit meinen anderen Handlungen Greifswald, ich fühle mich als Greifswalder, auch wenn ich erst drei Jahre hier wohne. Wieso wird das nicht von einigen Menschen akzeptiert? Freut euch doch lieber, dass wir „eure“ Stadt so mögen, dass wir uns als ein Teil davon verstehen!

Und fragt euch mal, was ihr ohne uns Zugewanderte wärt.

12 Kommentare


  1. Ich glaube solche Leute sehen Studenten (und so sehen sich einige Studenten auch selbst) als Fremdkörper in der Universitätsstadt, die dort ihre „Semesteradresse“ haben und sobald der Prof aufhört zu reden – husch husch -wieder zu Mami und Papi fahren. Also mehr als externe Benutzer von Hörsaal und Bibo, die nur notgedrungen in provisorischen Behausungen übernachten und aus der Reisetasche leben.
    Entgegen dieser Annahme versuchen die meisten Studenten ihren Lebensmittelpunkt an den Ort ihrer Hochschule zu hängen.

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    1. Gerade im ersten Semester fahren wirklich viele Studierende fast jedes Wochenende nach Hause. Das ist wahr, nimmt aber schnell mit steigender Semesterzahl ab. Gerade aber die Berliner fahren gerne wieder zurück in ihre große Stadt. Naja ich hab das nie verstanden, aber vielleicht war aich auch schnelle flügge, als andere.

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  2. Mal abgesehen davon, dass es sowohl Studenten gibt, die ihren Lebensmittelpunkt in ihrer Unistadt haben bzw. dorthin verelegen, als auch solche, die (noch) in ihrer „Heimatstadt“ hängenbleiben, finde ich einen anderen Punkt ebenso wichtig:
    Die Universität, an der man studiert (mehrere Jahre und evtl. mit Abschluss), hat einen großen Einfluss auf das spätere Leben – direkt wie indirekt. In anderen Ländern (bes. im angloamerikanischen Raum) wird darauf viel mehr Wert gelegt und Alumniclubs, -treffen etc. gehören einfach zum Unileben dazu. Und gerade deswegen sollte es auch ein Recht der Studenten sein, über den Namen der Uni mitzubestimmen.

    Ich bin übrigens vor 10 Jahren hergekommen und immer noch hier. Es hat zwar gedauert, aber mittlerweile sehe ich Greifswald als meine Heimat.

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    1. Da bringst du mal ein neues Argument in die Debatte ein. Der Name meiner Schule war schon identitätsstiftend. Es gab zwei Gymnasien in der Stadt und natürlich fanden wir unser KgB am besten und auch die Abkürzung lieferte für allerlei lustige Aktionen eine Steilvorlage. Also kann auch der Name der Uni indetitätsstiftend sein und da lehne ich klar Herrn Arndt ab. Mit dem will ich mich nicht identifizieren.

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  3. stamm kuhlmann hat das gestern bei der diskussion sehr schön auf den punkt gebracht: das wesen einer uni besteht darin das leute von weit weg herkommen um zu lehren und lernen.
    die „pommern“ tun mir aber auch wirklich ein bisschen leid. erstens sind sie alles alt/neu nazis und nun nimmt man ihnen auch noch ihren volkshelden.

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      1. letztens erzählte mir ein über 60jähriger eingeborener im zuge einer arndt-veranstaltung, dass man solch pack wie uns (studenten) aus der stadt knüppeln müsste. wir wären ja nichtmal hier geboren-was wir uns erlauben würden usw…
        ich fühl mich wohl hier in greifswald, akzeptiert und integriert…NOT!


      2. Hart. Fremdenfeindlichkeit mal nicht gegenüber Ausländern, eine interessante Erfahrung, die man keinem wünscht. Aber wenn ich dann Sprüche wie „Lauf, Wessi lauf!“ auf einem Altpapiercontainer zwei Blocks weiter lese, denke ich mir auch so meinen Teil und frage mich, wie man denn solche Vorurteile abbauen kann.




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