Wir sind Literatur!

Jeder Mensch hat doch ungefähr so eine Liste mit Zielen, die er im Laufe seines Lebens erreichen will. Bei einigen ist die Liste kurz und lautet: Party, Spaß, Flotter Dreier, Job, Haus, Familie mit 1,4 Kindern, glückliches Rentnerdasein, dem Leben friedlich entschlafen. Bei anderen umfaßt die Liste mehrere Seiten und wird täglich ergänzt. Da steht dann vielleicht auch dieser Punkt drauf: ein Buch schreiben oder in einem Buch erwähnt werden.

Hätte ich so eine Liste gemacht, wäre dieser Punkt nun als erledigt abzuhaken. Seit August 2008 gibt es das Buch „Ali zum Dessert“ von der SPIEGEL-Bestseller-Autorin Hatice Akyün auf dem Büchermarkt. Was ich damit zu tun habe? Nun ja, holen wir mal weit aus. Im Milleniumsjahr 2000 erhielten wir in einer Deutschstunde den Auftrag ein bekanntes Märchen zu verfremden und z.B. auf sächsisch umzuschreiben. Mit meinen beiden Freunden Bodo und Sönke machte ich mich dran Hänsel und Gretel in korrekte deutsch-türkische Jugendsprache umzuwandeln. Es entstand die kurze Geschichte von Aische und Murat. Der Text kam damals so gut an, daß ich mich entschied, ihn auf meine frisch erstellte Internetseite zu stellen.

Schon damals schickten sich alle Internetbenutzer regelmässig Mails mit lustigen Geschichten, blöden Fragen, unsinnigen Virenwarnungen, oben ohne Fotos von Mitschülerinnen, und und und. Irgendwer entdeckte unsere Geschichte und verschickte sie weiter. Wie ein Schneeball verbreitete sie sich und war bald auf vielen Websites ohne Angabe der Autoren zu finden. Ziemlich genau ein Jahr nach der nun historischen Deutschstunde trauten wir unseren Augen nicht, als wir in der BILD die Überschrift „Hänsel und Gretel auf kanakisch“ erblickten. Darunter war dann unser Märchen abgedruckt, natürlich ohne Quellenangabe. (An dieser Stelle ein großes F*** Y** Springer!) Grund genug uns von diesem Artikel, der meiner Meinung nach der Geschichte einen leicht fremdenfeindlichen Hintergrund verleiht, zu distanzieren.

Bis zum heutigen Zeitpunkt findet sich die Geschichte laut google Suche auf zwischen 3000 und 5000 Websites wieder. Nur ein Bruchteil davon weist auf Bodo, Sönke und mich als Verfasser hin. Bei der Musikindustrie wäre diese Urheberrechtsverletzung jetzt ein Grund für eine Massenabmahnung. Doch als Verfasser, die nie damit gerechnet haben, daß ihre Geschichte jemals so anerkannt wird, erfreuen uns auch die Nennungen ohne Namen. Nun aber zurück zum Buch „Ali zum Dessert“.

Die Autorin Frau Akyün schrieb mit anfang des Jahres eine Mail mit der Bitte, die Geschichte von Aische und Murat mit in ihr Buch aufnehmen zu dürfen. Es würde zwar keine Bezahlung geben, aber jeder von uns sollte ein Buch mit persönlicher Widmung erhalten, sowie unsere Namen im Buch genannt werden. Letzte Woche Freitag kam dann ein Päckchen mit drei Büchern. Wer neugierig ist, sollte sich mal die Seiten 193 und 194 ansehen. Dort steht die Geschichte, sowie die Namen von uns. So hat es eine kleine Geschichte aus einer kleinen Vorstadt von Hamburg innerhalb von acht Jahren durch das halbe Internet und schließlich in ein Buch geschafft. Das macht schon ein wenig stolz.

7 Kommentare


  1. Coole Sache das, Glückwunsch!!! Sowas kann nun wirklich nicht jeder von sich behaupten.
    „Murat und Aische“ von Oliver, Bodo und Sönke – mehr Völkerverständigung geht ja gar nicht 😉

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    1. Na ich wollte später z.B. als Wissenschaftler oder Berater eh Bücher schreiben, aber jetzt schon drin zu sein, ist natürlich toll! Und ein Ansporn doch noch ein kleines Buch mit Ankedoten zu schreiben. Ach mal abwarten…

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  2. Mensch. Da hat der Olli ja jetzt schon den ersten Stoff für seine Autobiographie. Herzlichen Glückwunsch!

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    1. Hmm auf sowas wie Storys aus der Schulzeit oder wie ich SNES spielen lernte, hab ich echt total Lust drauf. Also das zu schreiben. Mal gucken, ob ich das starte und ob das jemand lesen würde. 😛

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  3. Hallo, Ihr Drei,
    vielen herzlichen Dank noch einmal für Eure tolle Geschichte. Ich finde, dass sie ein wunderbares Beispiel für gelungene Völkerverständigung ist. Ich erzähle auf meinen Lesungen immer gerne Eure Geschichte und davon, dass Ihr Euch vom fremdenfeindlichen Hintergrund distanziert habt. Sehr lobenswert Eure Zivilcourage. Meine Bücher habt Ihr offensichtlich bekommen. Viel Freude damit.
    Ich verstehe meine Bücher nämlich als Liebeserklärung an Deutsche und Türken.
    Herzlich, Hatice

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    1. Hallo Hatice,
      schön, daß du dich hier nochmal meldest (und als Nutzerin von google alerts outest?). Die Bücher sind inzwischen bei allen angekommen. Ich habe die gleich weitergeleitet und freudige Rückmeldungen bekommen. Lesungen? Falls du mal in Greifswald bist, komm ich auch vorbei.
      Viele Grüße
      Olli

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