Wolgast embedded

Die hier geschilderten Erlebnisse geben einen subjektiven Eindruck der Proteste gegen den gestrigen Aufmarsch der NPD in Wolgast wieder. Als eingebetteter Reporter habe ich die erste Sitzblockade begleitet und via Twitter berichtet. Alle Tweets lassen sich bei der Twitterwall zu den Protesten nachlesen.

Wolgast Blockade in der Saarstraße
Die erste und wichtige Blockade in der Saarstraße sitzt.

Die vier Busse öffneten ihre Türen. Kurzer Blick raus: „Sicher und los!!!“ Alles musste schnell gehen. Wir verließen den Bus und liefen an ersten Polizisten vorbei. Zu wenige um uns zu stoppen. Auch die zweite Reihe der Polizei wurde schnell durchbrochen. Über Rasen und Hecken wurde den Beamten ausgewichen. Einige von uns wurden kurz festgehalten, rissen sich aber schnell los. Laufend ging es die Saarstraße weiter. Lange keine Polizei in Sicht. Kurz vorm Ende der Straße standen sie dann doch da. Ein Zeichen und sofort saßen über 100 Personen auf der Straße. Die erste und strategisch wichtigste Blockade stand beziehungsweise saß.

Kurz vor 16 Uhr fuhren vier Busse aus Greifswald los, um sich dem Aufmarsch der NPD in Wolgast entgegen zu stellen. Am 74. Jahrestag der Reichpogromnacht wollten die Nazis ursprünglich mit Fackeln bis vor ein Flüchtlingsheim ziehen, doch nach Verbot und einer Auseinandersetzung von Gericht wurde die Route extrem verkürzt, führte nicht mehr zum Flüchtlingsheim und Fackeln wurden auch verboten. Die Bündnisse „Rassisten Stoppen!“ und „Vorpommern: weltoffen demokratisch bunt“ hatten zu Protesten aufgerufen. Mehrere Mahnwachen und ein Lampionumzug waren angemeldet, außerdem sollte der Nazi-Aufmarsch blockiert werden.

ENTSPANNTE STIMMUNG IN DER BLOCKADE

Ich saß also im Bus nach Wolgast und wollte von den Blockaden per Twitter berichten. Kurz vor Wolgast erfuhren wir, dass die Polizei bereits einen Bus angehalten hatte und dessen Insassen kontrollierte. Wenig später sollte es sich herausstellen, dass dies ein Bus aus Berlin war. Die Busse aus Greifswald wurden zwar angehalten, aber nach Aufnahme der Kfz-Kennzeichen durften wir weiterfahren. Das Katz- und Mausspiel begann.

Nach dem anfänglichen Sprint war es in der Blockade sehr entspannt. Knapp 15 Minuten nachdem die Blockade saß, kamen weitere Teilnehmende und das mobile Soundsystem dazu. Die Zahl der Sitzenden verdoppelte sich so. Gelassene fröhliche Stimmung. Erste Fotographen und Fernsehteams erschienen. Die Polizei hatte zwar viele Fahrzeuge vor Ort, aber höchstens 20 bis 30 Beamte zeigten in etwas Abstand von der Blockade Präsenz.

Uns erreichten Meldung, dass Nazis in Kleingruppen überall in der Stadt unterwegs sind. Von einer Mahnwache wurde berichtet, dass dort aus fahrenden Autos Gegenstände geworfen und Beleidigungen gerufen wurden. Außerdem wurden sie aus Autos auf einem naheliegenden Parkplatz mehrere Minuten lang angeleuchtet und beobachtet, solange bis Zivilpolizei eintraf. Unheimlich. Ich war froh, nicht dort zu stehen.

Die Situation wurde unübersichtlich. Busse aus Hamburg, Rostock und Berlin waren immer noch nicht durchgelassen worden. Auch private Pkw wurden angehalten und durchsucht. Dabei sollen die Insassen in Actionfilmmanier ihre Hände auf die Motorhaube gelegt haben müssen und abgetastet worden sein. Währenddessen war die Polizei mit den durch Wolgast ziehenden Kleingruppen der Nazis und weiteren noch nicht an der Blockade teilnehmenden Aktivisten beschäftigt.

WIR SIND IM WEG UND SOLLEN GEHEN

An der Blockade Saarstraße Ecke Erich-Dähn-Straße gab es gegen 17:45 Uhr die erste Ansage der Polizei. Bis 18 Uhr sei diese Versammlung zugelassen, danach sollen wir doch bitte verschwinden. Die Frist verstrich, ohne dass etwas passierte. Inzwischen startete der Lampionumzug und es wurde von 500 Teilnehmenden gesprochen, später sollen es bis zu 700 gewesen sein.

Der für 18 Uhr angesetzte Beginn des Nazi-Aufmarsch verzögerte sich, da sie angeblich zu wenig Ordner hatten und wir die Saarstraße blockierten, durch die sie eigentlich marschieren wollten. Die bisher festgehaltenen Busse kamen durch und fuhren in Wolgast ein. In der Philipp-Müller Ecke Clara-Zetkin-Straße entstand mit 150 Leuten eine zweite Sitzblockade. Die Mahnwache am Ernst-Thälmann-Platz war eingekesselt, plötzlich zog die Polizei aber ab. Unsere Blockade wurde aus weniger Entfernung von Nazis beobachtet.

Am Ernst-Thälmann-Platz entstand gegen halb acht eine kleine Blockade. Etwa zeitgleich fiel der Polizei die abgelaufene Frist bei uns ein und gab über Lautsprecher bekannt, dass dies die erste Aufforderung sei, die Straße zu verlassen. Nach der dritten Aufforderung würden Zwangsmittel eingesetzt – also geräumt. Außerdem bot sie uns, an zur Mahnwache am Ernst-Thälmann-Platz zu gehen. Kein bisschen Bewegung. Bisher stehende Menschen setzten sich. Die zweite Aufforderung folgte 15 Minuten später.

Die Nazis marschierten mit fast zwei Stunden Verspätung los. In der Chausseestraße hatte sich eine weitere Blockade mit ca. 35 Personen formiert, wurde eingekesselt und bewegte sich im Polizeikessel fort. Kurz bevor unsere Blockade geräumt werden sollte, besann man sich bei der Einsatzleitung und ließ die Nazis eine andere Route gehen. In 50 Meter Entfernung marschierten sie an uns vorbei. Die Polizei blendete uns mit starken Scheinwerfern. Nachdem die Nazis vorbei waren, versuchten drei davon durch die Polizeikette zu uns zu dringen, wurden aber fachmännisch zurückgedrängt.

IN DER CHAUSSEESTRAẞE IST SCHLUSS FÜR DIE NAZIS

An der Mahnwache am Platz der Jugend marschierten die Nazis vorbei in die Chausseestraße. Nur sieben Personen waren zu diesem Zeitpunkt bei der Mahnwache. Die Chausseestraße wird zum endgültigen Haltepunkt für die Nazis. Knapp 1,5 km nach Beginn des Aufmarschs war Schluss. Direkt vor den Nazis saß eine Blockade mit etwa 50 Personen.

In der Saarstraße herrschte Aufbruchstimmung, doch wohin? Die Frage war eh obsolet, da die Polizei die Straße vorne und hinter uns zu machte und die gute alte Hinhaltetaktik zum Zuge kam. Sichtlich alkoholisierte Anwohnerinnen und Anwohner pöbelten zu uns: „Schwuchteln!“, „Zeckenpack!“ und weitere Beleidigungen. Wolgasts unschöne Seite zeigte sich. Hätten wir doch nur die Teilnehmenden des Lampionumzugs gesehen, dann wäre unser Bild besser gewesen.

Wolgast Blockade in der Chausseestraße
Große Blockade in der Chausseestraße.

Nach etwa einer halben Stunde gegen 21 Uhr beendete die Polizei die Einkesselung in der Saarstraße und ließ uns zur Chausseestraße durch. Hier waren inzwischen fast 1.200 Menschen, die sich den Nazis in den Weg stellten. Viele Schaulustige bereicherten das Geschehen, allerdings immer deutlich alkoholisiert und auffallend.

Die Chausseestraße war dicht. Hinter der ersten Polizeikette saß eine Blockade, danach kamen die Nazis. Hetzreden wurden durch „Haut ab!“ und „Ihr habt den Krieg verloren!“ Rufen übertönt. Die Veranstaltung der NPD war nur bis 22 Uhr genehmigt. Kurz vor Ablauf der Genehmigungszeit wurde der Aufmarsch aufgelöst. In kleinen Gruppen gingen die Nazis in die Stadt. Glücklicherweise kam es danach zu keinen Zwischenfällen. Es war vorbei. Wir gingen wieder zu den Bussen. Bei der Abfahrt filmten uns Nazis aus ihren Kleinbussen und verabschiedeten sich mit Mittelfingergrüßen.

Übrigens war die Polizei den ganzen Tag über entspannt, auch wenn die Vorkontrollen unangemessen waren. Verhaftungen oder Ingewahrsamnahmen gab es keine. An dieser Stelle ein nachträgliches Danke für die Deeskalation auf Seiten der Polizei und natürlich auch der friedlichen Blockierenden!

Mein gegen 13 Uhr noch vollgeladener Akku vom Smartphone war leer getwittert. Müde und erschöpft, aber dennoch froh über die friedlichen Proteste ging es zurück nach Greifswald. Der Tag war ein voller Erfolg. Die Nazis wurden blockiert. Nicht nur Auswärtige zeigten, dass Nazis in Wolgast nicht Willkommen sind. Insgesamt nahmen an den verschiedenen Protesten laut „Vorpommern: weltoffen demokratisch bunt“ fast 2.000 Menschen teil. Für eine 12.000 Einwohnerstadt gut.

Zum Thema:

Das ZDF berichtet.

Außerdem gut:

Foto: Oliver Wunder // Lizenz: CC-BY-NC-SA

22 Kommentare


  1. Die Polizei war Anfangs aber doch ein wenig mit der Situation überfordert. Anders kann ich mir wild mit Tonfas fuchtelne Beamte nicht erklären.

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    1. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie mit genug Personal vor Ort waren. Die Androhung der Räumung in der Saarstraße sah eher nach einem Bluff aus.

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      1. Ja, definitiv ’n Bluff. Die hatten da schon lange abgekaspert, dass sie die Faschisten umleiten werden und uns so an den Ort gebunden. Wir waren ja auch recht überrascht und dann eingekesselt. Glücklichrweise gab es die Blockade an der Chaussestr, die ja schnell auf über 500 angewachsen ist.


  2. Traurig wie naiv und selbstverliebt die Menschen sind.Der junge Mann mit seinem Cap geht mit gutem Beispiel voran,wie dumm die Menschen gehalten werden.Das zu verhindern ist der Staat in der Pflicht.Doch der schürt ja den Hass gegen alles fremde.Die Menschen wissen gar nicht wo die Asylsuchenden her kommen und wieso sie hier in Wolgast und anderswo sind.

    Trauriges Deutschland

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  3. Bedank dich bei der Polizei, die dich das nächste mal wieder verprügelt, wenn ihre Befehlshaber einen anderen Plan haben. Die sind nichts als Roboter!

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    1. Ich kann doch wohl mal sagen, wenn es gut lief. Vielleicht nehmen sich andere Einsatzleiter mal ein Beispiel dran. Ständig alles zu verteufeln, bringt schließlich gar nichts.

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      1. Gut, dann lasse ich dich in deinem naiven Glauben. Nur das bei diesen Großlagen in MV immer die gleichen Einsatzleiter am Start sind, die je nach Gutdünken und politischem Willen Blockierer mal verprügeln und schikanieren lassen und ein anderes mal den freundlichen Beamten zu miemen. Bei Einem allerdings kann man sich sicher sein: Gewalteskapaden ihrer Schlägertruppen deckeln sie in jedem Fall. Dank Corpsgeist.



  4. Danke für den detaillierten Bericht daburna! Und natürlich auch an dich und alle das ihr da ward 🙂

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  5. moin.

    erstmal, schöner erlebnisbericht.

    aber ich muss dich auf jeden fall berichtigen, denn im zuge der kleinen, entscheidenen blockade in der chausseestr. kam es mal wieder zu einer prügelorgie durch 5 bfe-bullen. direkt neben der wurde eine person von 5 cops mit stiefeln und knüppeln traktiert, obwohl sie schon am boden war…soviel zum verhältnismäßigen verhalten

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    1. Wie geschrieben, es ist ein subjektiver Erlebnisbericht, den ich mit mir bekannten Infos ergänzt habe. Der von dir erwähnte Übergriff war mir bisher nicht bekannt.

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  6. Die Cops sind da abgegangen, wo keine Presse vor Ort war. Es gab ja nach Ende des Naziaufmarschs auch noch Jagdszenen (schreiende vermummte Cops) in der Heberleinstr. auf Leute, die zurück Richtung Busse wollten.

    Und die rechtswidrigen Vorkontrollen und auch das stundenlange Festhalten der Hamburger (bis weit nach Mitternacht) in Wolgast war krass. Nur durch Anwälte konnte schlussendlich die angedrohte ED-Bahandlung aller abgewendet werden.

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  7. Es gab aber auch vorfälle wo extrem gewaltbereite Autonome 4 personen die von einer geburstagsfeier kamen attackierten weil sie diese fälschlicherweise für Nazis hielten. 5 deer insgesammt 25 täter wurden festgenommen und angezeigt wegen räubischer diebstahl 🙂

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  8. Verkehrte Welt, anderswo?
    Flüchtlinge sollen draußen bleiben, nicht in Wolgast sondern in einem links-alternativem Stadtteil eines Rot-Grünen-Stadtstaates der abgenutzten Bundesländer, die ja so gerne überheblich über die ehemaligen Brüder und Schwestern im Osten urteilen. 🙁
    Anm.: Bin auf den verlinkten Beitrag im Grünen-Blog aufmerksam geworden. Kommentare verbieten sich dort inzwischen, da ein(zwei) offensichtlich aus dem Ruder gelaufene(r) Administrator(en) entgegen den eigenen Kommentarregeln, solche Statements abgibt:
    „Hab wie immer keine Lust, den Inhalt externer Links zu überprüfen, daher gelöscht. Alle weiteren Kommentare, die Links enthalten, werde ich komplett und kommentarlos entfernen“.

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    1. Links kommen hier eigentlich immer durch, außer sie enthalten Verweise auf Seiten, die ich nicht drin haben möchte.

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