Wieso Facebook eine schmuddelige Kneipe ist

Auf oder zu? Es ist die Entscheidung zwischen Entspannen oder neue Kommentare zu lesen. Foto: Thom | Lizenz: Creative Commons Zero
Auf oder zu? Es ist die Entscheidung zwischen Entspannen oder neue Kommentare zu lesen. Foto: Thom | Lizenz: Creative Commons Zero

Die Filterblase ist geplatzt. Facebook hat sich von einem sozialen Netzwerk von Freunden und Bekannten zu einer schmuddeligen Eckkneipe gewandelt. Statt flauschiger Wohlfühlwelt mit Statusupdates und Urlaubsfotos gibt es rund um die Uhr unerträgliche Stammtischgespräche.

Was sich sonst in einer schmuddeligen Eckkneipe früh am Morgen abspielte, wenn im Flüsterton Bomben geschmiedet wurden und die Bürger längst schlafen gegangen waren, hat sich nun hin zu Facebook verlagert.

Abgründe auf dem Bildschirm

In den Kommentarspalten werden Sätze gelallt und geschrien. Satzfragmente gehen mit sprunghaften Themenwechseln, Seitendiskussionen und Besserwisserei einher. Hetz-Parolen treffen auf Halbwissen und Ungebildete. Verschwörungstheorien werden bestärkt und entstehen neu. Es wird gegafft, gestalkt, gegrapscht.

Der Abgrund ist weder in einem Bahnhofsviertel versteckt noch temporär geöffnet, er tut sich mit dem Öffnen des Browser-Tabs oder der Facebook-App auf. Er kommt per Push-Nachricht auf den Statusbildschirm des Smartphones. Er kommt per Screenshot in Zeitung und E-Mail. Entkommen unmöglich.

Eine Pulle Hass

Das digitale Äquivalent des Kneipen-Alkohols ist der Hass. Er macht trunken, er stachelt die einen auf und widert die anderen an, so dass sie sich ebenfalls im Ton vergreifen und dem Hass weitere Nahrung liefern. Ein neues Phänomen?

Sascha Lobo meint nein. Das Internet halte Deutschland einen Spiegel vor, schreibt der Internet-Irokese. Wo früher Early Adopter und Nerds unterwegs waren, ist nun der Großteil der Bevölkerung aufgetaucht und damit auch die unsägliche Stammtischdebattenkultur angekommen. Die gab es dort bereits zuvor in der Nische. Stichwort: Heise-Foren.

Handeln sollen immer nur die Anderen

Nun dominiert sie Facebook. Ob von besorgten Bürgern, Pegida-Anhängern oder Medienkritikern befeuert, sei dahingestellt. Zu viele Facebook-Seitenbetreiber lassen es zu, dass ihre Kommentarspalten zu hassgeschwängerten digitalen Bühnen verkommen.

Sie und andere schieben die Schuld auf Facebook. Das Unternehmen würde nicht handeln. Geschieht tatsächlich viel zu selten. Dennoch ist das zu einfach. Sich an die eigene Administratorennase zu fassen, gegen Unmenschlichkeit und Propaganda zu schreiben, ist dagegen schwieriger, unbequemer, zeigt aber deutlich Courage.

Die Karawane zieht weiter

Das ist genau so anstregend, wie während eines Kneipenstammtischs zu widersprechen: „Nein, so geht das aber nicht, was du über die Meiers gesagt hast!“ Statdessen: Am Bierglas nippen, einen humanen Kommentar liken und schließlich die Facebook-App deinstallieren.

Die Kneipen sind leer, Facebook ist voll. Mutter, Vater und die Großelternschar, ja tatsächlich sind alle Hater schon da. Aber es gibt erste Gegenbewegungen. Freunde werden entfreundet (Hier findet ihr heraus, wer alles Pegida mag.) und die Jugend hat längst andere Netzwerke für sich entdeckt. Ohne Eltern, vielleicht auch ohne Hass und dafür wieder mit ein paar Wohlfühlelementen.

Foto: Thom via Unsplash | Lizenz: Creative Commons Zero

5 Kommentare


  1. Schöner Text. Er trifft es wohl richtig gut. Wobei ich offensichtlich noch nicht lange genug in einer Kneipe gehangen bin, um derartiges auch dort zu erleben.
    Die Karawane zieht weiter. Von FB nutze ich privat nur noch den Messenger. Meine Blogs haben ihre FB-Seiten geschlossen. Es geht auch ohne.

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    1. Man muss da nicht abhängen 😉 Die jugendliche Karawane zieht ja offensichtlich Richtung Snapchat und Instagram. Die Faszination von Snapchat verstehe ich, obwohl ich es seit mehr zwei Jahren nutze, nicht. Instagram nutze ich bereits länger, aber auch nur wegen der Fotos und nicht wegen des Vernetzens mit Freunden. Ein anderes soziales Netzwerk mit ähnlicher Zielgruppe und Funktionsumfang wie Facebook wird meiner bisherigen Beobachtung kaum genutzt.
      Übrigens schön, dass du weiterhin den Feedreader nutzt. Den Text wollte ich noch etwas liegen lassen und das Theme ersetzen, damit er auch mobil lesbar ist.

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      1. Vielleicht sollte ich mir Instagram oder Snapchat auch mal ansehen, bisher habe ich sie nicht für voll genommen und als Bildchentauschservice abgewürdigt (Snapchat natürlich mit Bewegtbildchen). Das ist m.E. alles nicht wirklich was neues, sondern nur Varianten von bereits vorhandenem. Okay, das war FB auch nicht, eher auch nur eine Weiterentwicklung von StudiVZ & Co. Letztendlich stammt doch alles vom IRC ab … 😉
        Neue Varianten des immer gleichen.
        Ohne Feedreader käme ich nicht zurecht. Wobei die Abschaltung von GoogleReader schon ein kleiner Rückwurf war. Aber man rappelt sich wieder auf und sucht neues. Ich surfe nicht jeden Tag eine Handvoll Webseiten ab, ob es was neues gibt. Der Feedreader zeigt mir alle Neuerungen auf einmal und ich kann schnell durchscrollen. Bei über 600(?) Seiten wäre das händisch sowieso nicht leistbar.


  2. Hatte den Artikel hier ja klammheimlich veröffentlicht und wollte erst mal am Design rumbauen, bevor ich ihn prominent bewerbe. Freut mich aber, dass du mich trotz meiner längeren Inaktivität nicht aus dem Reader geworfen hast!

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    1. Da bin ich mit der Pflege meines Feedreaders etwas nachlässig. Aber so ein ruhiger Blog fällt eben nicht auf. Das ist auch ein Vorteil der Reader. 😉
      Apropos. Wo Du ja jetzt auch NBler bist, müsste ich deinen Blog ja bei nbblogs.de mit aufnehmen … 😉

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