Zeitungen am Straucheln

Zeitung
Bald ein Relikt aus alten Tagen?

Nun kommen auch die großen Zeitungen in Deutschland ins Straucheln. Die Frankfurter Rundschau (FR) hat letzte Woche Insolvenz angemeldet. Gestern wurde dann bekannt, dass Gruner + Jahr die Financial Times Deutschland (FTD) komplett einstellen werden, damit ist auch die Option vom Tisch das Blatt als reine Onlineausgabe weiterzuführen.

In der Oktoberausgabe der Monatszeitung Le Monde diplomatique ist ein Aufruf von Serge Halimi, Direktor der Zeitung, an die Leserinnen und Leser abgedruckt. Seit Januar 2012 ist die verkaufte Auflage der französischen Ausgabe um 7,2 Prozent gesunken. Ebenfalls sanken die Werbeeinnahmen. Eine neue Onlineausgabe soll dem negativen Trend entgegen wirken.

Doch kostenlose Onlineausgaben bewertet Halimi vernichtend:

„Denen, die Informationen recherchieren, verifizieren und redigieren, bringt die Gemeinde der Online-Leser kaum etwas ein. Nach und nach entsteht eine parasitäre Wirtschaftsstruktur, in der die einen den ganzen Profit einstreichen und die anderen die Kosten der „kostenlosen“ Information zu tragen haben.“

Profite durch Onlinewerbung würden vor allem auf Seiten der Suchmaschinen eingestrichen. Halimi analysiert die Probleme und kommt zu keiner hilfreichen Empfehlung für die Zukunft. Er setzt einzig auf die neue Onlineausgabe und einer Ausgabe für die Darstellung auf Tablets und E-Books.

Als weitere Rettung sieht er die Stärkung des Verkaufs der Zeitung durch einen höheren Bekanntheitsgrad, der durch persönliche Werbung der aktuellen Leserinnen und Leser erreicht werden soll. Dazu liefert er gleich Argumente mit:

„Wozu dient eine Zeitung? Um zu lernen und zu verstehen. Um etwas Zusammenhang in das Getrommel der Welt zu bringen, statt nur Informationen anzuhäufen. Um Konflikte zu überdenken und deren Kontrahenten zu kennen und bekannt zu machen. Um nicht mit einer Macht solidarisch zu sein, die die Werte verrät, die sie zu vertreten behauptet. Um die identitäre Festschreibung des „clash of cultures“ zurückzuweisen, in der vergessen wird, dass zum Erbe des „Westens“ die Plünderung des Sommerpalasts in Peking und die Umweltzerstörung gehört, aber auch Gewerkschaften, Ökologie und Feminismus; dass es nicht nur den Algerienkrieg gab, sondern auch die „Kofferträger“. Und dass in den Ländern des „Südens“, die den Kolonialismus abgeschüttelt haben, vormoderne religiöse Kräfte und gierige Eliten ebenso präsent sind wie Bewegungen, die sie bekämpfen. Es gibt den taiwanesischen Konzern Foxconn und die Arbeiter von Shenzen.“

Ob die Rechnung aufgeht? Ich weiß nicht, ob mich die Argumente überzeugen würden, wenn ich nicht schon längst Abonnent wäre. Dennoch sei hiermit meine Empfehlungsschuldigkeit getan: Der Kauf von Le Monde diplomatique lohnt sich!

Foto:  Matt Callow | Lizenz: CC BY-SA

8 Kommentare


  1. Die Argumente für eine Zeitung treffen auf manche Zeitungen zu, auf die OZ nicht. Deshalb wird deren Rechnung früher oder später auch nicht aufgehen:
    Die OZ verkaufte im 3. Quartal 2012 26 Prozent weniger Zeitungen als im 3. Qu. 1998. Die Zahl der Abonnenten sank im selben Zeitraum um fast 32 Prozent.
    Allein von 3/2011 bis 3/2012 verringerte sich die verkaufte Auflage um rund 1,3 Prozent, die Zahl der Abonnenten um rund zwei Prozent.
    http://daten.ivw.eu/index.php?menuid=12&u=&p=&t=Alphabetischer+Gesamtindex&b=o

    Mittlerweile unverständlich ist zumindest, warum ganze Wälder für Zeitungspapier gebraucht werden, Farbe, Druckmaschinen, Transport, wenn es doch das Internet gibt.

    Ansonsten gab es immer in bildliches Kommen und Gehen, seit Jahren allerdings einen dauerhaften Auflagenschwund:
    http://www.ivw.de/index.php?menuid=37&reporeid=10#tageszeitungen

    Das Gehen von Zeitungen kann hier nachgelesen werden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Zeitung_%28Deutschland,_Erscheinen_eingestellt%29

    So wurde vor einem Monat das Erscheinen der Abendzeitung Nürnberg (Deutschlands älteste Boulevardzeitung) nach 93 Jahren eingestellt.

    Dass der OZ immer noch so viele Leser zahlend treu sind, mag am Lokalteil liegen. Dort wird den Lesern vorgegaukelt, sie erführen, was um sie herum los ist. Von dem, was wirklich um sie herum passiert, erfahren sie allerdings recht wenig – ebenso von dem, was weiter weg passiert, wodurch die Mantelseiten komplett überflüssig sind. Außerdem nicht zu vergessen die Todesanzeigen. Dafür ist die OZ allerdings viel zu teuer.

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    1. Ganz abgesehen von den gravierenden inhaltlichen Schwächen der OZ muss man hinzufügen, dass auch Abwanderung und Geburtenrückgang für sinkende Auflagen beitragen. Das ist natürlich kein Argument, schlecht zu sein.

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  2. „die Informationen recherchieren, verifizieren und redigieren“, selten so gelacht …

    Ich würde eher sagen, dass Online-Ausgaben der Zeitungen den Lesern viel besser vor Augen führen können, dass die Inhalte der Zeitungen „irgendwie“ gleich sind, denn es ist immer dieselbe Pressemitteilung, welche die jeweilige Zeitung ihren Lesern als eigenen Content verkaufen. Einfach mal bei Google News nach einem aktuellen Thema suchen und die neuesten 10 bis 20 Nachrichten dazu lesen …

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    1. Das ist die andere Seite der Wahrheit. Übernahme von fertigen Inhalte der Agenturen. Ich mein, nicht dass diese vollkommen ohne Wert sind. Beispiel: Der Stolpersteindiebstahl. Da hatte die DPA sofort eine Meldung dazu, die bundesweit übernommen wurde. Sonst war ja auch niemand vor Ort außer dem NDR, Lokalreportern und lokalen Bloggern. Wenn sich aber nur noch bei den Agenturen bedient wird, ist mir auch nicht ersichtlich, warum ich für solche Inhalte zahlen soll. Die überregionalen Zeitungen haben aber zumindest in der Printausgabe immer wieder gute Eigenleistungen, die man sonst nirgendwo findet.

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    2. Das ist doch aber gerade das, was die online-Ausgaben von den eigentlichen Tageszeitungen unterscheidet (der Nutzer glaubt ja offenbar mehr denn je, dass die Online-Ausgabe irgendwie dem gedruckten Exemplar entsprechen würde). Natürlich „verwursten“ auch die gedruckten Ausgaben Agenturmeldungen. Dies aber in einem wesentlichen geringerem Maße. Insofern verstärkt die Zunahme des Online- und der Rückgang des Druckangebotes aufgrund von eingestellten Blättern (gut, um die FR ist es wirklich nicht schade) diesen unheilvollen Trend.

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  3. @ Soeren

    Beispiel OZ:
    In den Schrottlineauftritt wird aktuell von Agenturen geliefertes Material ohne jede Aufarbeitung gestellt. Hinzu kommen bearbeitete Agenturtexte der jeweiligen Druckausgabe und Lokales aus der Druckausgabe.

    In der Gesamtausgabe der OZ (also Lokales inkl.) waren bereits im Jahr 2008 mindestens 43 Prozent aller Texte mehr oder weniger bearbeitetes (meist nur gekürztes) Agenturmaterial verwurstet worden), also nix mit wesentlich gereingerem Maß:
    http://www.djv-mv.de/download/Vereinheitlichung_statt_Vielfalt_Projektbericht.pdf
    Der Agenturanteil hat sich nach meiner Beobachtung erhöht, ist jedoch kaum noch zu erkennen. Seit längerer Zeit erlaubt sich die OZ-Redaktionen zu vertuschen, woher das Material stammt:
    http://ostsee-zeitung-blog.blogspot.de/2012/01/anachronistisches.html
    Gekürzte Meldungen und ganze Interviews:
    http://ostsee-zeitung-blog.blogspot.de/2011/01/mitarbeiterin-fur-ein-interview.html
    werden einfach als eigener Berichte gekennzeichnet:
    http://ostsee-zeitung-blog.blogspot.de/2011/01/abschreiberei-ist-eigener-bericht.html
    oder die Kennzeichnung in der Spitzmarke weggelassen:
    http://ostsee-zeitung-blog.blogspot.de/2010/03/marchenerstattung.html

    Dieses Blatt wird weiterhin an Bedeutung verlieren, wenn es denn noch eine hat:
    http://ostsee-zeitung-blog.blogspot.de/2010/03/uber-den-bedeutungsverlust-lokaler.html
    Der Schrottline-Auftritt der OZ ist so schlecht, dass er nichts dazu beiträgt, die Leserschaft zu erhöhen.

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  4. Frage ist, wie lange Neues Deutschland und junge Welt noch durchhalten. Die beiden haben ja auch immer wieder Finanzprobleme.

    Das ND zumindest ist tatsächlich einen Kauf wert, wird, trotz sinkender Auflage, immer besser die Zeitung.

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