Wer Flattr nutzt, macht Geschäfte mit Nazis, Faschisten und Rassisten? Oder ist es gar so, dass Blogger und Medien Nazis damit offen unterstützen, wie es Christian Sickendieck im Blog F!XMBR ironisch überspitzt darstellt? Wie kommt er zu diesem These?
Zählen wir erstmal die Fakten auf. Flattr hat inzwischen über 46.000 registrierte NutzerInnen. Letzten Monat wurden mehr als 114.000 Euro über das System umgesetzt. Zu den BenutzerInnen gehören auch die rechtsextreme NPD und politisch verbundene Medien und Personen, Â sowie andere Unsympathen z.B. der islamfeindliche Blog Politically Incorrect. Auf dem folgenden Screenshot ist gut zu sehen, wie das DeutschlandEcho nicht nur für die NPD wirbt, sondern auch seine LeserInnen dazu auffordert Flattr zu nutzen. Gezielt setzt man dort ganz auf Web 2.0 und integriert Twitter und Facebook, und schreibt auf der Blog-Plattform wordpress.com.

Screenshot DeutschlandEcho mit Werbung für die NPD und Aufforderung zu Flattrn
Sickendieck nimmt in dieser Diskussion allerdings nur Anstoß an Flattr und nicht an Twitter, Facebook oder WordPress. Ok, das begründet er, in dem er den Fokus klar auf Geld legt. Nur der Dienst Flattr ermöglicht Geschäftsbeziehungen der NutzerInnen untereinander. Folgen wir also seiner leider sehr kurzen Argumentation im Beitrag. Er schreibt über Flattr:
“Die Mitglieder untereinander sind mehr oder weniger allesamt Geschäftspartner [...] Und jedes Blog und jedes Medium muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, Geschäfte mit der NPD und Politically Incorrect zu machen — oder es zumindest zu tolerieren. Wer will schon mit Sicherheit sagen können, dass der kleine Westentaschen-Nazi nicht am Morgen der NPD, Politically Incorrect und am Abend netzpolitik.org, Spreeblick und Co. Geld hat zukommen lassen? [...] Wer zukünftig von Flattr spricht, sollte gleichzeitig von der NPD, Politically Incorrect und den teilnehmenden Blogs und Medien sprechen. Sie gehören unweigerlich zusammen. Sie machen gemeinsam Geschäfte. Flattr macht die NPD, Politically Incorrect über den Umweg Social Payment wieder stückweit gesellschaftsfähig.”
Dass “der kleine Westentaschen-Nazi” auch andere Blogs als von der NPD flattrt, kann ich nicht ausschliessen. Wo ich allerdings vehement widersprechen muss, ist dass alle Blogs, die Flattr einsetzen, Geschäftspartner oder Unterstützer der NPD wären. Selbst wenn Sickendieck den Wenigsten einen bewussten Support der rechtsextremen Strukturen unterstellt, ist dies einfach falsch. Flattr ist ein Dienst, der Geschäftsbeziehungen zwischen den NutzerInnen vermittelt und ermöglicht. Das kann man mit Banken oder Kreditkartenunternehmen vergleichen. Wenn ich in eine Kneipe gehe, können dort ein paar Stunden später Nazis rein gehen und auch ein Bier trinken. Als Wechselgeld erhalten sie wohlmöglich vorher von mir gezahlte Münzen. Unterstützen tu ich sie trotzdem nicht.
Diese öffentlich zugänglichen Strukturen stehen potentiell allen Menschen offen. Â Wo ich Sickendieck durchaus recht geben muss, ist, dass Nazis nichts in Flattr verloren haben. Hier muss das Hausrecht greifen. Um beim Kneipenbeispiel zu bleiben, ich kenne genug Bars und Kneipen auf dem Hamburger Kiez, die an der Tür Aufkleber mit dem Spruch “Nazis müssen draußen bleiben” haben. Ähnlich verhält es sich auch bei mir im Blog. Bestimmte Kommentare lasse ich nicht zu.
Bei Flattr ist man sich der Problematik schon bewusst und zeigt Beiträge der NPD auf der eigenen Flattr-Website nicht an, um nicht den Nazis nicht mehr Traffic zu ermöglichen. Wieso die Accounts noch nicht gesperrt wurden? Dazu meldet sich Peter Sunde von Flattr bei F!XMBR in den Kommentaren zu Wort und schreibt:
“Yet again; Flattr is obliged under law to not discriminate users.”
Das ist schon paradox, dass die NPD, die offen Menschen diskriminiert, durch Antidiskriminierungsgesetze geschützt wird. Da aber auf deren Seiten ständig Beiträge online gehen, die gegen die Flattr AGB verstossen, können bzw. müssen diese Seiten von Flattr ausgeschlossen werden. Hier muss Druck auf Flattr ausgeübt werden und nicht auf die Otto NormalbenutzerInnen.
Die meisten Flattr-NutzerInnen unterstützen Nazis nicht und viele hätten sicher nichts dagegen, wenn rechtsextreme NutzerInnen von Flattr ausgeschlossen werden. Der Artikel von Christian Sickendieck zielt auf die falschen Leute ab und stellt diese auf eine Stufe mit Nazis, Rassisten und Faschisten. Wenn Sickendieck gegen Nazis kämpfen will, dann nicht in dem er die falschen Leute beleidigt. Die Diskussion hat er in Gang gebracht, dabei aber viel zerstört.