Till mag Wurst

Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus im Interview mit GTV.
Betriebsbesichtigung bei Greifen-Fleisch: Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus im Interview mit GTV.

Zum Glück gibt es hier keine Schlachtung, sonst wäre ich auf dem besten Weg Vegetarier zu werden! In der Luft schwebt ein kräftiger, würziger Geruch nach Fleisch, dazu kommt der Lärm der Maschinen, der eine Verständigung teilweise unmöglich macht. Lokaltermin beim Greifswalder Wurstproduzenten Greifen-Fleisch. Das ist keine große Story, das ist fast schon Bratwurstjournalismus. Wurstgeschichten gehen kaum durch den Kopf, sondern sprechen den Magen an. Dabei geht es um 30.000 Euro. Dieser Artikel ist die Story hinter dem Zeitungsartikel.

Ätschibätsch, Rügenwalder!

Mit den 30.000 Euro fördert das Landwirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern den angestrebten Herkunftsschutz von drei Pommerschen Wurstsorten: Pommersche Leber-, Schlack- und Blutwurst. Von dem Herkunftsschutz der geschützten geographischen Angabe versprechen sich die Hersteller Umsatz- und Gewinnsteigerungen. Das Label würde den Namen schützen, Produzent aus anderen Regionen dürften dann ihre Würste nicht mehr so nennen. Das wird dann voraussichtlich auch die Firma Rügenwalder treffen.

Ich stehe in einer Gruppe Menschen in plumpen weißen Schutzanzügen, die sonst nur beim Malen und Streichen oder als Verkleidung zum Einsatz kommen. Alles ist eingepackt, auch die Schuhe stecken in Überziehern. Die Schutzanzüge schützen die Produktion und uns, denn sie sind garantiert „wurstabweisend“ scherzen die Kollegen vom Lokalsender GTV. Im Schneckentempo folgt die Gruppe zwei Männern an der Spitze, die hier und da mal eine Wurst hochhalten, mit den Mitarbeitern sprechen und dabei ständig fotografiert und gefilmt werden.

Der knuffige Till

Zur Übergabe des Förderbescheids über 30.000 Euro für die Unterstützung des angestrebten Herkunftsschutzes ist Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus (SPD) nach Greifswald gereist. Ihm liegt dieser Termin sichtlich. Es ist eine Erfolgsgeschichte und keine weitere Negativmeldung aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Mitglieder der „Schutzgemeinschaft Pommersche Fleisch- und Wurstwaren“ wollen ihre Produktion durch den Schutz stärken und wirtschaftlich profitieren. Die Chancen stehen gut. Bei den Thüringer Bratwürsten hat es ja auch funktioniert. Und so scherzt der Minister ausgelassen, redet vertraut mit dem  Geschäftsführer von Greifen-Fleisch, beißt genüsslich vor den Reportern von einer Wurst ab und bietet ihnen weitere Würste zum Probieren an. Bodenständig und irgendwie knuffig.

Meinen Schutzanzug hat mir Till – ja ich möchte ihn fast „Tilli“ nennen – in die Hand gedrückt. Negative Eigenschaften, die Politikern auf Grund ihrer Macht zugeschrieben werden, sind bei dem anderthalbstündigen Termin nicht zu erkennen. Bereitwillig erzählt er dem Kollegen von der OZ, dass er Leberwurst auf Frühstückbrötchen am liebsten mag. Nur als er einem Vegetarier eine Wurst reicht, erscheinen seine Fragen etwas merkwürdig. Backhaus fragt den Vegetarier interessiert nach dem Grund des Vegetarismus und klingt dabei so, als sei er ein besorgter Großvater, der sich nach einer Erkrankung seines Enkels erkundigt.

Keine Topstory aber dennoch wichtig

Das ist keine Story, um die man sich reißt, außer man freut sich auf die Pressebrötchen. Nichts zum Profilieren oder Dreck ausgraben. Doch die Geschichte wird geschrieben – und das ist auch gut so, möchte man im Wowereitschen Stil hinzufügen. Warum eigentlich?

Lokalgeschichten müssen erzählt werden. In Zeiten schrumpfender Redaktionen, Monopolstrukturen der Lokalzeitungen und großer Nachrichtenflut ist es manchmal die Geschichte der örtlichen Wurst, die den Lesern schmeckt beziehungsweise gelesen wird. Sicherlich ist nicht jedes Ereignis erzählenswert und sicher regt sich so mancher darüber auf, dass ich so einen „Quatsch“ überhaupt mitmache.

Dabei kann für einen Journalisten noch etwas wesentlich Wichtigeres hinter solchen Themen stecken. Bei so einem Termin herrscht normalerweise eine nette Atmosphäre und man kommt in Kontakt mit Kollegen, Politik und Wirtschaft. Kontakte, die irgendwann immer wichtig werden können. Alleine die Plauderei nebenbei kann Startpunkte für spannendere Geschichten liefern, wie über die Einkaufstaktiken des Handels. Doch dafür muss man wachsam und nicht der 0815-Bratwurstjournalist sein.

Am Ende erscheint ein Foto und ein Zehnzeiler in der Zeitung. Zwei Gestalten in weißen Schutzanzügen essen Wurst. Viel mehr war aus dem Termin nicht rauszuholen. Till mag Wurst – so einfach ist das.

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