Über die Besetzung der Uni Greifswald

Gestern Nacht wurde aus „Studierenden, die im Audimax der Greifswalder Uni über Bildung diskutieren“ dann doch eine offizielle Besetzung. Alles lief friedlich ab, die Unileitung überraschte mit ihrer Tolerierung der Besetzung durch die anwesenden 30 bis 40 Studierenden. Um die 20 sollen über Nacht geblieben sein.

Doch zeitgleich mit der Besetzung begann eine Diskussion über den Sinn und die Legitimität dieses Vorgehens. Gestern herrschte auch unter den Protestierenden stundenlange Ungewissheit, ob die Aktion nicht lieber abgebrochen werden solle,

Die Besetzung mag verfrüht erscheinen. Hier in Vorpommern tickt die Uhr eh anders und alles kommt verspätet an. Sei es der Aufschwung, die Wirtschaftskrise oder Elektromusik in den Clubs, angeblich kommt hier alles später an. War die Besetzung also zu früh? Oder waren es einfach zu wenig Studierende? Hätten es 150 sein müssen?

Doch, wo fängt die kritische Masse an? Sicher die Mobilisierung war nicht sonderlich effektiv und mobilisierte gestern fast mehr Presse- und Univertreter zum festgelegten Zeitpunkt zu erscheinen, doch rechtfertigt das die teilweise recht drastische Kritik seitens der Studierendenschaft?

Auch Mitglieder der konservativen oder liberalen Studierenden müssen doch Probleme an der Uni haben. Von Protesten dieser Gruppen ist aber wenig zu merken. Das wird lieber ausgesessen und dafür scharf nach links geschossen. Denn aus Kreisen der SDS, Jusos, Grünen und Piraten kamen die „Organisatoren“ der Besetzung.

Im Grunde sind viele der Studierenden mit der aktuellen Studiensituation unzufrieden. Es gibt viele Punkte, an denen schon mit wenig Aufwand und Geld Verbesserungen möglich sind. Am Beispiel des Bachelor-Studiengangs hat dies webMoritz Autor Jan Faulbrück dargelegt. Folgende Forderungs-/Mängelliste erhielt ich dazu per Mail (nicht von den Besetzern) zugeschickt:

Darum muss unsere UNI brennen:

Vorlesungen, Seminare, Übungen und Tutorien innerhalb eines Faches oder einer Fächerkombination überschneiden sich. Deshalb können Studierende nicht alle Kurse, die in der Studienordnung vorgesehen sind besuchen. Die Pflicht der Universität zu lehren, wird dadurch grob vernachlässigt.

Blockveranstaltungen am Wochenende erschweren ein adäquates Vor- und Nacharbeiten des relevanten Prüfungsstoffes, sie machen ein konzentriertes Arbeiten innerhalb einer Veranstaltung unmöglich.

Die Prüfungstermine werden zu kurzfristig bekannt gegeben (und willkürlich verschoben).

Praktika sind Pflicht, gleichzeitig werden in den Semesterferien aber Prüfungen geschrieben. Deshalb ist effektives Lernen kaum möglich.

Die Regelstudienzeit ist zu kurz.

Die General Studies nehmen zu viel Zeit in Anspruch. Die General Studies vermitteln kein universales Wissen, sondern fachspezifischen Nonsens. Konzentriertes studieren auf ein einzelnes Fach ist nicht möglich.

Die Qualität des Studiums ist nicht mehr wissenschaftlich. Lernen nur ins Kurzzeitgedächtnis, langfristig wird keine wissenschaftliche Grundausbildung geschaffen.

Die Studienfächer eines Zwei-Fach-Bachelors sind nicht miteinander koordiniert.

Prüfungen werden zu dicht hintereinander geschrieben. Es werden in zu kurzer Zeit, zu viele Prüfungen geschrieben.

Wir fordern ein wissenschaftliches Studium zurück. Wir wollen faire Bedingungen und die Beseitigung der oben genannten Missstände.

Dieser Liste lassen sich sicherlich noch viele weiter Punkte hinzufügen. Die wenigsten Studierenden, so scheint es momentan, würden für diese Forderungen aber auf die Straße gehen und einen Hörsal besetzen. Eine „was kann ich dagegen schon ausrichten?„-Mentalität hat sich breitgemacht in den Köpfen. Lieber obrigkeitshörig alles dulden, als kritisch hinterfragen, aufstehen und für die eigenen Ziele kämpfen.

Die „Besetzer“ im Audimax werden aber langsam und kontinuierlich mehr. Wer von dieser Art des Protests nicht hält, muss sich aber auch nicht dran stören oder fürchten, dass Vorlesungen ausfallen. Das Plenum des besetzten Audimax hat dafür extra einen alternativen Belegungsplan erstellt.

Interessant, dass sich die Uni hinter die Studis stellt. Der webMoritz schreibt dazu:

„Immerhin könne sich auch das akademische Personal hinter einen Teil der Forderungen der Studierenden stellen.“

Dass der AStA sich heute von der Besetzung distanzierte, war nicht sonderlich förderlich für den Rückhalt in der Studierendenschaft und macht die Protestler nur angreifbar. Anstatt mit einer Stimme zu sprechen, wird somit nur eine deutlich gespaltene Studierendenschaft gezeigt.

An dieser Stelle von mir noch eine Solidaritätsbekundung an die Besetzer in Greifswald, anderen Städten in Deutschland und Österreich! Weiter trommeln, dann werden es auch mehr.

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